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languages:multi-language-essays:2020-01:01de_japan_tech_interactions

German/Japanese/English versions of this text are here.

Deutsch: Beobachtungen zum Umgang mit Technik in Japan

Als ich klein war und meine Oma fragte, wo denn auf der Welt die Technik am weitesten entwickelt sei, antwortete sie: „In Japan!“. Seit einigen Jahren lebe ich hier, und bin immer noch von der Kultur des Landes, der Mentalität der Menschen und vor allem vom Umgang der Japaner mit Technik fasziniert. Diese Faszination hat bei mir dazu geführt, auch das eigene Verhalten und meine kulturelle Prägung zu hinterfragen.

Japanern und Deutschen wird ein Hang zum Perfektionismus zugeschrieben, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Japaner dabei noch deutlich weiter gehen. Wenn man etwas anpackt, dann versucht man es perfekt zu machen. Das sehe ich täglich bei meiner Arbeit in der IT: früher hatte ich mit deutschen Kunden zu tun, nun vor allem mit japanischen Kunden. Diese haben den Anspruch, alles bis ins Kleinste zu ergründen. Der Wunsch, Techniken und technologische Systeme bis in die Wurzeln zu verstehen, erinnert mich an die typischen Eigenschaften von Hackern und macht einen Teil meiner Faszination für Japan aus.

Ganz besonders faszinierend finde ich in Japan auch die Kombination von Tradition und Technik, z.B. in Form eines Roboters, der ein Katana, ein Japanisches Schwert, mit großer Präzision benutzen kann.

Doch auch die Technologie-Geschichte Japans hat bereits eigene, neue Traditionen geschaffen: Im Land von Nintendo und Sega geniessen Computerspiele ein so hohes Ansehen, dass der japanische Premierminister in einem Olympia-Werbespot als Mario der Klempner auftrat.

Akihabara Dragonquest lawson

Viele technische Lösungen in Japan sehen von aussen betrachtet aus wie überflüssige Gimmicks, ergeben aber mit Wissen über die näheren Umstände und typische gesellschaftliche Eigenheiten plötzlich Sinn. Zum Beispiel der beheizte Toilettensitz. Die meisten Europäer hören davon und fragen sich “Macht das Sinn?!”.

Ich weiß mittlerweile: Ja, das macht sehr viel Sinn :) Ich schreibe diesen Artikel im Januar in einem Apartment in Tokyo, mit Pulli, 2 Jacken und Mütze. In den meisten Gegenden Japans ist es im Durchschnitt wärmer als in Deutschland. Bei Gebäuden ist Erdbebensicherheit wichtiger als gute Isolation. Wohnhäuser sind auf 30 Jahre Nutzungsdauer ausgelegt. Zentralheizungen sind kaum verbreitet, meist wird mit der elektrischen Klimaanlage geheizt. Bad und Toilette sind meist unbeheizt, und wer sich schon mal bei 5°C auf eine Toilette gesetzt hat, kann nun sicher mehr Verständnis für die beheizten Toilettensitze aufbringen. Durch diese Gegebenheiten ist auch der Kotatsu entstanden: ein niedriger Tisch, an dem man sitzt und unter den man seine Beine steckt. Eine elektrische Heizung unter der Tischplatte strahlt nach unten Wärme ab, eine Decke hält die Wärme unterm Tisch.

washlets

Es gab und gibt in Japan immer wieder technologische Erfindungen, die sich nur dort durchgesetzt haben - vielleicht macht es sogar Sinn, hier von „Insellösungen“ zu sprechen: Massagesessel, um sich nach der Arbeit zu entspannen, extrem kleine Notebooks, solarbetriebene Gadgets an Straßenkreuzungen, um Fahrzeuge zu warnen, oder Autos die mit lauter Stimme verkünden in welche Richtung sie abbiegen. Insgesamt sind in Japan im alltäglichen Leben bereits viel mehr Roboter im Einsatz als in anderen Teilen der Welt.

Einen besonders markanten Unterschied zwischen Japan und Deutschland habe ich auch darin beobachtet, wie vertrauensvoll technologische Systeme gemeinsam genutzt werden. Die Kriminalität ist in Japan recht niedrig. In einem größeren Restaurant reserviert man typischerweise einen Platz, indem man dort seine Tasche abstellt und dann zum Bestellen und Bezahlen an die Theke geht. Dieses Vertrauen sieht man an verschiedenen Stellen: Wenn in Europa jemand ein Passwort eingibt und man gemeinsam vor einem Bildschirm sitzt, dann schaut der Andere explizit von Bildschirm und Tastatur weg: Bloss nicht unter Verdacht kommen, dass man das Passwort ausspionieren will. In Japan gibt es dieses Mißtrauen nicht, daher schaut man eher nicht weg. Auch sperren Japaner in einem Großraumbüro selten ihre Bildschirme, wenn sie den Arbeitsplatz verlassen.

An extrem kleinen Bahnhöfen muss man beim Einsteigen in die Bahn ein Ticket ziehen, beim Aussteigen wird damit ermittelt wie weit man gefahren ist. Wenn man das Ticket beim Einsteigen vergisst, dann wird man beim Aussteigen gefragt, wo man eingestiegen ist - und dann der Preis bestimmt. In Deutschland würde hier wohl automatisch der Maximalpreis angesetzt. Vertrauen by default.

Als zugereister Deutscher habe ich manchmal Probleme damit, so einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Zum Beispiel konnten im ersten Apartment, in dem ich wohnte, alle Bewohner sämtliche Briefkästen öffnen: es gab keine Schlösser oder ähnliches. In manchen Gegenden steht ausschließlich die Wohnungsnummer am Briefkasten, keine Namen. Um Post zu adressieren reicht das. Haustürvertreter wiederum kennen dadurch den Namen der Bewohner nicht - sehr angenehm.

trusty postboxes

Beim Umgang mit Geld gibt es viele Gemeinsamkeiten von Japanern und Deutschen. Japaner hängen sehr am Bargeld. Im Bereich Nahverkehr haben sich NFC-Karten verbreitet, die “Suica”. Diese sind per default nicht mit einem Namen verknüpft: am Automaten kauft man anonym eine Karte und kann Geld aufladen. Vor dem Einstieg und nach dem Ausstieg aus der Bahn hält man die Karte an einen Reader, der Betrag wird dann abgebucht. Bei Bedarf kann man sich die Suica auch auf den Namen registrieren und für flatrate-Fahrten zwischen 2 Bahnhöfen freischalten lassen. Das machen viele Berufspendler. Fast alle Arbeitgeber erstatten die Kosten fürs Pendeln zwischen Arbeit und Wohnort.

Sowohl die japanische Regierung als auch die Unternehmen versuchen, mehr bargeldlose Zahlung durchzusetzen. Letztes Jahr wurde die Mehrwertsteuer von 8% auf 10% erhöht. Einen Teil dieser Erhöhung kann man sich jedoch gegen persönliche Daten zurückholen, wenn man sich für bestimmte Payback- und Punktesysteme in Kombination mit Cashless-Karten registriert.

Während viele technologische Systeme in Japan auf Vertrauen basieren, kann man dieses Prinzip nicht problemlos auf alle Bereiche und vor allem nicht auf alle Anwendungsmöglichkeiten des bargeldlosen Bezahlen übertragen. Einer der 3 großen Betreiber von Convenience-Stores stellte Mitte 2019 ein bargeldloses Bezahlsystem vor, und beendete es nach 3 Monaten wegen zu viel Missbrauch. 2-Faktor-Authentifizierung und andere Ansätze waren nicht ins Konzept einbezogen worden, sind aber scheinbar für das Gelingen von bargeldlosen Bezahlsystemen auch in Japan ein kritischer Faktor.

Bei der Beantragung von Girokonto oder Kreditkarte kann man sich wiederum seine PIN aussuchen. Beim Onlinebanking läuft noch viel mit TAN listen. Das liegt auch daran, dass es in Japan nicht selbstverständlich ist, dass Banken Transaktionen miteinander durchführen können. Das bedeutet z.B. dass bei einem Wechsel des Arbeitgebers der Lohn vielleicht nicht ans schon vorhandene Konto überwiesen werden kann, und man dann extra ein neues Konto eröffnen muß. Auch der Vermieter einer Wohnung gibt vor, auf welches Konto man die Miete einzuzahlen hat - und manche müssen dann dafür ein weiteres Konto eröffnen. Bei meiner ersten Wohnung waren von meiner Bank aus keine Überweisungen möglich und ich habe monatlich bar bezahlt. Überweisungen aus anderen Ländern sind eher selten. Bei einer Überweisung von einem deutschen Konto erhielt ich von meiner Bank einen Brief mit den Überweisungsdetails.

In Japan lebende Personen bekommen eine Nationale ID-Nummer zugeteilt. Diese sogenannte 'my number' wird z.B. zur Identifikation beim Zahlen der Steuern benutzt. Auch Banken lassen keine Überweisungen vom/ins Ausland zu, ohne die 'my number' des Kunden zu kennen.

Anstelle von Unterschriften sind in Japan 'Hanko' gebräuchlich, eine Art Stempel. Im Rathaus registrierte Hanko werden dann so benutzt wie in Europa Unterschriften. Bei Japanern enthält der Abdruck des Hanko die Kanji des Namens, mein Hanko enthält meinen Namen im normalen Lateinischen Alphabet. Um nicht ein angeliefertes Paket mit dem gleichen Hanko zu quittieren wie den Mietvertrag, benutzen die meisten Japaner mehrere Hankos, die jeweils einzeln registriert sind und für verschiedene Vorgänge benutzt werden.

hanko

Und während in Deutschland noch an der Elektronischen Patientenakte gewerkelt wird, gibt es in Japan schon lange das 'medicine book' aus Papier, das man in die Apotheke und zum Arzt mitnimmt. Darauf sind die eingenommenen Medikamente verzeichnet, was eine Kontrolle auf mögliche Unverträglichkeiten ermöglicht. Schön offline, mit den Daten direkt beim Patienten.

SIM Karten für Handys sind in Japan fast nie mit einer PIN gesichert, die Bequemlichkeit ist also wichtiger als Absicherung gegen Diebstahl. Handys sind zudem meist auf einen Anbieter gelocked, und das wird kaum als Einschränkung aufgefasst.

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es viele extreme Situationen wie Erdbeben oder Taifune. In diesen Situationen werden über Handys Emergency-alerts als SMS-broadcast verschickt, z.B. wenn Flüsse in Folge eines Taifuns hohe Pegelstände aufweisen oder per SMS zur Evakuierung aufgerufen wird - wie vor kurzem auch in dem Stadtteil von Tokyo, in dem ich wohne..

Japan ist bekannt für seine gut ausgebaute Internet-Infrastruktur. Bei meinem Zugang sind physikalisches Medium (Glasfaserkabel) und Contentprovider zwei unterschiedliche Unternehmen, mit denen ich je eigene Verträge habe. Mein Contentprovider bietet auch IPv6 per Opt-In, das ich einfach online per Formular freischalten kann.

Die Mobilnetzabdeckung in Japan ist sehr gut, selbst bei Benutzung des Shinkansen, des japanischen ICE. Die vielzitierte Pünktlichkeit der japanischen Züge stellte sich interessanterweise erst nach der Privatisierung der Bahnen ein.

Die Dienste von Yahoo Japan werden gefühlt öfter benutzt als die von Google: Yahoo Maps kam lange besser mit den Eigenheiten der japanischen Häuseradressierung klar. Yahoo Japan bietet viele landestypische Overlaykarten: Vorhersagen zur Geschwindigkeit von Taifunen, Maps mit den besten Plätzen um die Kirschblüte zu sehen, der aktuellen Auslastung von Bahnhofstoiletten oder von Zügen. Fast alle Japaner fahren mit der Bahn zur Arbeit, meist mit dem Smartphone in der Hand. Viele Webseiten sind für Smartphones optimiert, z.b. werden Trailer von neuen Filmen mit einzelnen Screenshots auf einer langen Webseite gezeigt und beschrieben. Gigazine hat z.B. 36c3-Video-Inhalte entsprechend aufbereitet.

Ich mache jeden Tag neue Entdeckungen, die die bisherigen Erklärungen wieder in Frage stellen. Was jedoch geblieben ist, ist meine Faszination dafür, wie unterschiedlich Menschen für teilweise gleiche Zwecke unterschiedliche technologische Lösungen entwickeln und nutzen. In diesem Artikel habe ich mich auf technikrelevantes beschränkt, über die Gesellschaft und das Leben hier gibt es aber noch viel mehr zu entdecken, meine Gedanken dazu sind auf https://fluxcoil.net/jpblog .

Ergänzungen

Nach dem Verfassen des Originalartikels haben sich im Gespräch mit Freunden und durch Recherchen einige Punkte ergeben.

  • Pünktlichkeit der Japanischen Bahn stieg mit der Privatisierung: Mit der Privatisierung wurden noch einige andere Hindernisse beseitigt für die Bahn: die Bahn hatte vorher die aus dem Kriege heimgekehrten Soldaten zu beschäftigen, nach der Privatisierung gab es erstmal viele Entlassungen. Es gab auch Schuldenerlässe mit der Privatisierung. Etliche Bereiche haben sich mit der Privatisierung auch verschlechtert: Strecken mit weniger Fahrgästen, z.B. auf dem Lande, wurden nun nicht länger mit den anderen Strecken querfinanziert sondern wegen “Unwirtschaftlichkeit” still gelegt.
  • Ein Detail bezüglich dem Kanji “鉄”: 鉄 ist der erste Teil von 鉄道, was “Eisenbahngesellschaft” bedeutet. 鉄 hat 2 Radikale, also “Kanji Hauptbestandteile”. 金 bedeutet dabei Geld/Metall, 失 bedeutet “verlieren”. Das gesamt Kanji wird aber nicht als “Geld verlieren” gedeutet, sondern man bevorzugt “金に矢” als Deutung. Mit 矢 als Pfeil bedeutet das etwa “pfeilschnell zum Geld”. Die Kanji für Eisen: Das aktuelle JR-Logo verwendet die Kanji für “Eisen” als Inschrift für “Pfeil” anstelle von “Gold”. Wegen des Defizits (金を失う= Geldverlust) in der Vergangenheit wurde die Privatisierung angegangen, später wurde in “金に矢” umgedeutet um ein gutes Omen zu haben.
languages/multi-language-essays/2020-01/01de_japan_tech_interactions.txt · Last modified: 2020/07/05 08:26 by chris